Am Tag danach blieben Aufträge über 250.000 Euro liegen. In zwei Wochen waren es zwei Millionen. Und dann kam Woche 3 …
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Die 8-Uhr-Frage

 

Ausgabe 2 · 07.10.2026 · Dr. Marco Lück

Ein Stillstand kostet jede Woche etwas anderes. Die Rechnung dazu passt auf eine Seite.

Guten Morgen,

dies ist Ausgabe 2 der 8-Uhr-Frage.

Mitte September hat der Versicherer Hiscox seinen Cyber Readiness Report vorgelegt. Befragt wurden Unternehmen mit weniger als 250 Beschäftigten.

Fast ein Drittel der deutschen Befragten wurde binnen eines Jahres erfolgreich angegriffen.

Die zweite Zahl ist die wichtigere: Von den Betroffenen sah jedes dritte Unternehmen seine Zahlungsfähigkeit oder Existenz erheblich gefährdet.

Zahlungsfähigkeit. Das ist kein Wort aus der IT.

Heute geht es um drei Fragen: Was kostet ein Stillstand in den ersten zwei Wochen? Warum wird es in Woche 3 und 4 nicht leichter, selbst wenn die Produktion wieder anläuft? Und welche vier Zeilen gehören in eine Rechnung, die vorher fertig ist?

Tag 1 kostet Aufträge. Woche 2 kostet Gehälter.

Der Fall, der das am genauesten zeigt, kommt aus dem Rheinland.

19. Mai 2025. Bei einem Serviettenhersteller mit rund 240 Beschäftigten liefern sämtliche Drucker nur noch Erpresserschreiben. Rechner, Laptops, Server: alles lahmgelegt. Nicht einmal ein Lieferschein lässt sich ausdrucken. Rund 190 Geräte gehen zur Prüfung vom Netz.

Der Tag danach. Aufträge über 250.000 Euro können nicht ausgeführt werden.

Die ersten zwei Wochen. Laut Presseberichten summiert sich das auf geschätzte zwei Millionen Euro nicht realisierten Umsatz. Das Mai-Gehalt kann zunächst nicht pünktlich gezahlt werden.

1. Juni 2025. Das Unternehmen stellt Insolvenzantrag.

Drei Wochen nach dem Angriff sind noch nicht alle Systeme nutzbar. Die Produktion läuft langsam wieder an.

Welche Rolle andere Gründe gespielt haben, kann ich von außen nicht beurteilen. Mir geht es um die Abfolge: erst die Aufträge, dann der Umsatz, dann die Gehälter.

In Woche 3 und 4 kommen Posten dazu, die in keiner Stillstandsrechnung stehen.

Die naheliegende Rechnung lautet: Tage mal Tagesumsatz.

Das Problem? Sie endet, wenn die Maschinen wieder laufen. Die Folgen enden dann nicht.

Zwei Fälle zeigen das.

Sonntag, 22. September 2024. Ein Hersteller von Präzisionsteilen aus Aachen mit rund 450 Beschäftigten erfährt vom Landeskriminalamt: Interne Daten sind im Darknet aufgetaucht. Am frühen Morgen werden die IT-Systeme vorsorglich abgeschaltet. Am Abend laufen erste Teile der Produktion wieder, außerhalb des Netzwerks.

10. Oktober 2024, keine drei Wochen später. Das Unternehmen meldet den Antrag auf Sanierung in Eigenverwaltung. Es nennt selbst zwei Gründe: Umsätze, die schon zuvor gesunken waren, und die Folgen des Angriffs. Dazu zählt es Produktionsausfälle, verzögerte Einnahmen und Kosten.

Das ist Woche 3: Teile der Produktion laufen. Das Geld kommt trotzdem später.

Der zweite Fall reicht weiter.

12. Februar 2024. Ein Batteriehersteller bemerkt einen Angriff. Er fährt die Produktion an fünf Standorten in drei Ländern vorsorglich herunter und trennt sie vom Internet.

30. April 2024. Der Geschäftsbericht liegt nicht vor.

9. Mai 2024. Das Unternehmen verliert seinen Platz im SDAX.

Das ist Woche 4 und danach: Jetzt geht es um Zahlenwerk und Fristen.

Ich nenne diesen Verlauf Woche 1 bis 4. Erst geht es um Aufträge, dann um Gehälter, dann um die Finanzierung, dann um die Zahlen fürs Jahr.

Die Rechnung in der Schublade hat vier Zeilen.

Stellen Sie sich vor, Sie stellen diese Rechnung an einem ruhigen Nachmittag auf. Ohne Angriff, ohne Zeitdruck, mit Ihrer kaufmännischen Leitung am Tisch.

Vier Zeilen genügen:

  • Was bringt ein Tag Auslieferung? Jahresumsatz geteilt durch Produktionstage, das ist die erste Zahl.
  • Welche Aufträge haben Fristen mit Vertragsstrafe, und in welcher Höhe? Das steht in Ihren Rahmenverträgen.
  • Wie viele Wochen trägt die Liquidität, wenn keine einzige Rechnung rausgeht?
  • Was kostet der Wiederanlauf: Dienstleister, Ersatzgeräte, Überstunden?

Die erste Zahl hat Ihre kaufmännische Leitung in Minuten. Die dritte braucht einen Blick in den Liquiditätsplan. Die vierte braucht eine Rückfrage an die IT: Wie lange dauert ein Wiederanlauf realistisch?

Keine dieser Zeilen entscheidet die IT. Alle vier braucht, wer in Woche 1 mit Bank und Versicherer spricht.

Ich nenne das die Rechnung in der Schublade.

Wer genauer rechnen will: Die Rechnung gibt es als Tabelle zum Ausfüllen, mit Anleitung. Sie gehört zu meinem Buch „Wer entscheidet um 8 Uhr?“ und steht frei im Netz, ohne Anmeldung, unter viama.one/buch.

Meine Einschätzung

In über 25 Jahren ist mir immer wieder dasselbe begegnet: Die Technik ist dokumentiert. Die Rechnung liegt selten fertig in der Schublade.

Das ist verständlich. Notfallpläne entstehen in der IT. Die Zahlen liegen in der kaufmännischen Leitung. Beide sitzen selten am selben Tisch, solange nichts passiert.

Die Folge zeigt sich im Ernstfall. Dann wird gerechnet, während die Aufträge schon liegen bleiben.

Die Rechnung ändert nichts am Angriff. Sie ändert, was danach möglich ist.

Wer seine Tageszahl kennt, entscheidet schneller, welcher Kunde Vorrang hat.

Wer seine Wochen kennt, ruft die Bank in Woche 1 an. Nicht in Woche 3.

Wer seine Vertragsstrafen kennt, weiß, welches Telefonat am ersten Morgen das wichtigste ist.

Konkret heißt das:

  • Die Rechnung stellt die kaufmännische Leitung auf, nicht die IT. Die IT liefert die Dauer, die Leitung rechnet.
  • Sie gehört auf Papier. Im Ernstfall kann das System, in dem sie liegt, zu denen gehören, die stehen.
  • Sie wird einmal im Jahr nachgerechnet, wie der Liquiditätsplan auch.

Ein Stillstand lässt sich nicht planen. Was er kostet, schon.

 

Die Frage für Ihre nächste Führungsrunde

Wie viele Wochen trägt unsere Liquidität, wenn keine einzige Rechnung rausgeht, und wer am Tisch kennt die Zahl?

Wenn drei Personen drei verschiedene Zahlen nennen, liegt die Rechnung noch nicht in der Schublade.

Aus der Werkstatt

In der Cyber Werkstatt stellt Ihre Geschäftsführung diese Rechnung selbst auf: im eigenen Haus, mit Ihren Zahlen. Am Abend wissen Sie, was ein Ausfall kostet, wer was entscheidet und wo noch etwas zu regeln ist.

So läuft der Tag ab →

PS: In der nächsten Ausgabe in zwei Wochen geht es um die zweite Frage: wer nach einem Vorfall was wissen will, vom Versicherer über den Großkunden bis zum Beirat.

Wie war diese Ausgabe? Antworten Sie mir mit einem Wort: Top, Gut oder Naja.

Bis in zwei Wochen, Marco Lück

Quellen

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Marco Lück

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